Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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11. Ergänzende Bemerkungen über die Tiefseeböden. 211

wiederum die Osthälfte erheblich tiefer als die Westhälfte. Diese Dinge haben für die Verschiebungstheorie deshalb ein besonderes Interesse, weil ein Blick auf die Karte zeigt, daß es gerade die ältesten Tiefseeböden sind, welche die größte Tiefe haben, während diejenigen, welche erst vor relativ kurzer Zeit entblößt sind, die geringste Tiefe zeigen. So sieht man in Abb. 57 in überraschender Weise sozusagen die Spur der Verschiebungen.

Über die Ursache dieses Tiefenunterschiedes haben wir heute noch keine gefestigten Vorstellungen. Sie kann einerseits in Unterschieden des physikalischen Zustandes, andererseits aber auch in Materialverschiedenheit bestehen. Physikalisch können sich alte und junge Tiefseeböden einerseits durch die Temperatur, andererseits durch den Aggregatzustand unterscheiden. Beträgt das spezifische Gewicht des Materials 2,9, und rechnet man mit dem kubischen Ausdehnungskoeffizienten für Granit 0,0000269, so würde das spezifische Gewicht bei Temperaturerhöhung um 100 auf 2,892 verändert. Zwei bis 60 km Tiefe um 100 verschieden temperierte Tiefseeböden, die untereinander im isostatischen Gleichgewicht stehen, müßten dann einen Tiefenunterschied von 160 m aufweisen, um welche der wärmere Boden höher liegt.

Andererseits ist es auch nicht unwahrscheinlich, daß bei relativ frisch entblößten Tiefseeböden die kristalline Erstarrungsdecke wesentlich dünner ist als bei alten, wodurch ebenfalls Unterschiede des spezifischen Gewichts und also der Tiefe erzeugt werden können. Drittens besteht auch dann, wenn man die Ozeanbecken alle auf gleiche Weise entstanden denkt, die Möglichkeit, bei den großen Zeitunterschieden ihrer Entstehung auch Materialverschiedenheiten anzunehmen, da sich im Laufe langer geologischer Zeiten das Magma

etwa durch fortschreitende Kristallisationsprozesse oder auf anderem Wege - - verändern kann und vermutlich auch verändert hat. Und schließlich können die Simaflächen in verschiedenem Grade mit Fließresten der unteren Partien der Kontinentalschollen, sowie randlichen Abfallprodukten derselben bedeckt sein.

Unsere Vorstellungen von dem Material oder den Materialien, mit denen wir es beim Tiefseeboden zu tun haben, sind gegenwärtig, wie schon früher erwähnt, sehr im Fluß, so daß es sich nicht verlohnt, hier alle dazu geäußerten Meinungen anzuführen. Ich möchte mich deshalb darauf beschränken, nur die am besten untersuchten Verhältnisse beim Atlantischen Ozean zu besprechen, wo ohnehin die breite


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
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© Kurt Stueber, 2003