Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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188 10. Ergänzende Bemerkungen über die Sialsphäre.

Die Transgressionsmeere der Vorzeit waren ebenso flach, wie die heutigen. Die Frage, wie sich diese nachweisbaren Niveauänderungen mit dem Prinzip der Isostasie oder dem Tauchgleichgewicht der Erdrinde vertragen, ist wahrscheinlich so zu beantworten: Natürlich entsteht, wenn eine Kontinentalscholle durch irgend einen Einfluß unter ihre Tauchgleichgewichtslage hinabgedrückt wird, hier ein Schweredefizit, welches Kräfte ins Leben ruft, die die Wiederherstellung der Gleichgewichtslage anstreben. Solange sich die Niveauänderung innerhalb der angegebenen Grenzen hält, bleibt übrigens auch die Schwereanomalie innerhalb der Grenzen, die tatsächlich in den verschiedenen Erdräumen als geringe regionale Abweichungen von der Isostasie beobachtet werden. Bei der großen Zähigkeit des Materials bedarf es offenbar der Überschreitung eines bestimmten Grenzwertes der Niveauänderung, damit die Kräfte so stark werden, daß merkliche isostatische Ausgleichsbewegungen einsetzen. Es ist deshalb möglich, daß dieser Betrag von einigen hundert Metern diesen Grenzwert -- der natürlich nicht als absolut konstant betrachtet werden kann ungefähr repräsentiert.

Die Klärung der Ursache der Transgressionswechsel in der Erdgeschichte wird eine der wichtigsten, aber auch eine der schwierigsten Aufgaben der künftigen geologischen und geophysi-kalischen Forschung darstellen. Gegenwärtig kann die Frage noch nicht als gelöst gelten, obwohl bereits beachtenswerte Anfänge wenigstens für Teillösungen vorliegen. Die Hauptschwierigkeit bildet dabei einstweilen der Umstand, daß die geologischen Aufnahmen -- trotz der vielen paläogeographischen Erdkarten noch lange nicht sicher und vollständig genug sind, um eine empirische Verfolgung dieser Transgressionswechsel nach Ort und Zeit zu gestatten, so daß das vorhandene Material meist nicht ausreicht, um die zur Erklärung herangezogenen Hypothesen zu prüfen. Außerdem läßt sich aber schon jetzt sagen, daß sich die Gesamtheit der Transgressionswechsel sicher nicht auf eine einzige Ursache zurückführen läßt, denn es lassen sich verschiedene Ursachen nennen, die mindestens als mitwirkend in Betracht kommen, so daß das Problem an sich zweifellos ein komplexes ist. Das schließt natürlich nicht aus, daß vielleicht künftig eine Ursache als Hauptfaktor erkannt werden kann.

Bisher lassen sich, soweit mir bekannt, folgende Ursachen anführen:

1. Ein merklicher Wechsel der Wassermenge des Weltmeeres, wie er durch Bildung und Abschmelzung großer Inlandeismassen


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
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© Kurt Stueber, 2003