Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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184 9. Die verschiebenden Kräfte.

tinentalschollen, sondern auch an dem darunterliegenden Sima an, welches flüssiger ist und vielleicht den Ausgleich unter der starreren Kruste hinweg vollzieht. Allein solange das Gefalle besteht und die Trans- und Regressionen scheinen von seiner Existenz Zeugnis abzulegen , muß auch auf die Kontinentalschollen diese Kraft wirken, und sie muß daher auch Verschiebungen und Faltungen derselben bewirken können, wenn auch diese Bewegungen möglicherweise geringer sind als die entsprechenden Bewegungen des flüssigeren Materials unter ihnen. Ich möchte glauben, daß wir in dieser Deformation der Erdfigur durch Polwanderungen eine Kraftquelle haben, die völlig ausreicht, um die Faltungsarbeit zu leisten.

Besonders wahrscheinlich wird diese Deutung durch den schon oben erwähnten Umstand, daß die beiden größten hier in Betracht kommenden Faltensysteme, nämlich die äquatorialen Faltungen des Karbons und des Tertiärs, gerade in solchen Zeiten entstanden sind, in denen wir aus anderen Gründen besonders schnelle und ausgiebige Polwanderungen annehmen müssen.

Neuerdings wird von mehreren Autoren, wie Schwinner [69] und besonders Kirsch [70], Gebrauch gemacht von der Vorstellung von Konvektionsströmungen im Sima. Im Anschluß an Jolys Ansicht, daß unter den Kontinentalschollen infolge ihres großen Radiumgehalts eine Erwärmung des Simas, im ozeanischen Bereich eine Abkühlung eintritt, wird von dem letzteren Autor eine Zirkulation des Simas unter der Kruste angenommen: Es steigt unterhalb der Kontinente bis zu deren Untergrenze auf, fließt dann unter ihnen zum ozeanischen Gebiet ab, um hier abzusinken und in größerer Tiefe wieder zum Kontinent zurückzukehren. Dabei soll es durch Reibung bestrebt sein, die Kontinentaldecke zu zerreißen und die Bruchstücke auseinanderzutreiben. Wir erwähnten schon früher, daß die relativ große Leichtflüssigkeit des Simas, die hier vorausgesetzt wird, von der Mehrzahl der Autoren bisher für unwahrscheinlich gehalten wird. Bei der Betrachtung der Erdoberfläche läßt sich aber nicht verkennen, daß die Aufspaltung von Gondwanaland und auch die der ehemaligen nordamerikanisch-europäisch-asiatischen Kontinentalscholle sich als Wirkung einer solchen Zirkulation des Simas auffassen läßt. Auch bietet diese anscheinend eine gute Erklärung für die Öffnung des Atlantischen Ozeans. Sie kann also nicht aus dem Grunde abgelehnt werden, weil die Erscheinungen der Erdoberfläche ihr widersprächen. Wenn sich die theoretische Grundlage dieser Vorstellungen als tragfähig erweist, was sich gegen-


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
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© Kurt Stueber, 2003