Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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164 8. Grundsätzliches über Kontinentverschiebungen usw.

irgendwo in mittleren Breiten, so kann die Achsenverlagerung erst dann erlöschen, wenn diese Zusatzinasse am Äquator angelangt ist, oder, besser gesagt, wenn der Äquator sie erreicht hat.

Natürlich bedarf das Problem einer eingehenden mathematischen Behandlung. Aber die vorstehende elementare Betrachtung ist meines Erachtens ausreichend, um zu zeigen, daß mit der Annahme eines unveränderlichen Abplattungswulstes ein fundamentaler Fehler gemacht wird, der zu einer völligen Entstellung des vorliegenden Problems führt. Es liegt nach meiner Meinung nicht der geringste theoretische Grund vor, an der Möglichkeit und Realität sehr großer, wenn auch langsamer innerer Achsenverlagerungen im Laufe der geologischen Zeiten zu zweifeln. Es wäre aber sehr zu wünschen, daß das Problem bald von theoretischer Seite mit einem brauchbaren Ansatz in Angriff genommen wird; so einfach wie bei der Annahme eines starren, unveränderlichen Abplattungswulstes wird freilich die Behandlung nicht sein können.

Man kann aber, wie schon erwähnt, auch auf empirischem Wege zu einem Urteil darüber gelangen, ob die oberflächlichen Polwanderungen durch Achsenverlagerungen erzeugt sind. Freilich sind die Wege, die sich hierzu bieten, indirekte und deshalb wenig sichere. Aber bemerkenswerterweise deuten sie, soweit sie bisher ein Urteil zulassen, alle auf eine Realität von inneren Achsenverlagerungen hin.

Zunächst sei an unsere Abb. 40 und die daraus abgeleitete südwestlich gerichtete Krustenwanderung Europas über seine Unterlage erinnert. Da die nach Nordosten verschleppten Sialwülste der europäischen Gebirge hauptsächlich im Laufe des Tertiärs nach unten gedrängt wurden, dürfen wir wohl annehmen, daß auch die nach Südwesten gerichtete Krustenwanderung Europas schon etwa seit Beginn der Tertiärperiode im Gange ist. Im Laufe der Tertiärperiode wuchs aber die geographische Breite Europas um etwa 40, der Nordpol rückte Europa um diesen Betrag näher, während Europa gleichzeitig relativ zur Unterlage eine Verschiebung zum Äquator erlitt! Dies ist offenbar nur dann möglich, wenn eine innere Achsenverlagerung stattfand, deren Betrag sogar den für die Erdoberfläche berechneten etwas überstieg. Die einzige Möglichkeit, diesen Schluß zu umgehen, würde darin bestehen, daß man annimmt, die Verlagerung der Schweredefizite nach Nordosten in Europa datiere erst seit dem Quartär, und im Tertiär habe das Schweredefizit systematisch südöstlich der Gebirge gelegen. Dies


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
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© Kurt Stueber, 2003