Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

Volltext

[Vorige Seite][Index][Nächste Seite]

144 7. Paläoklimatische Argumente.

Bildung gerade um einen Erdquadranten von der Mitte eines großen Inlandeisgebiets entfernt waren, gleichgültig, welche Annahmen man über die Lage der anderen Kontinente zur damaligen Zeit macht. In 90 Abstand vom Pol kann man sich aber durchaus nur auf dem Äquator befinden. Auch Spitzbergen liegt noch auf der europäischen Kontinentalscholle und muß also auch im Karbon wesentlich die gleiche Lage zu Europa gehabt haben wie heute. Seine großen karbonischen Gipslager bezeugen subtropisches Trockenklima und zeigen also an, daß die nördliche Zone subtropischen Klimas damals noch 30 nördlich der europäischen Kohlenlager lag.

Der Schluß, daß die europäischen Karbonkohlen in der äquatorialen Regenzone entstanden sind, ist demnach unausweichlich, und zwar ist er das bereits ohne Rücksicht auf die Verschiebungstheorie.

Dieser Beweis ist so zwingend, daß daneben alle anderen Kriterien weit in den Hintergrund treten müssen. Dennoch ist natürlich die Frage berechtigt, ob der Charakter der Pflanzenreste, die sich in den europäischen Karbonkohlenlagern und den ihnen benachbarten Schichten finden, mit diesem Resultat übereinstimmt. Nach dem Urteil des besten Kenners der europäischen Karbonflora, H. Potonie, ist dies in der Tat der Fall. Seine Untersuchung hierüber [169] ist auch heute noch die eingehendste und beste; er kam darin, rein aus botanischen Gründen, zu dem Schluß, daß die europäischen Kohlenlager des Karbons fossile Torfmoore vom Charakter tropischer Flachmoore seien.

Die Gründe, die Potonie für diese Auffassung vorbringt, sind natürlich nicht von zwingender Natur; denn es ist sehr schwer, den Klimacharakter einer so alten Flora zu beurteilen. Diese Unsicherheit ist von seinen Gegnern, deren es unter den heutigen Phyto-paläontologen nicht wenige gibt, sehr betont worden; aber es ist doch auffallend, daß diese -- soweit mir bekannt -- nicht in der Lage sind, Potonies Gründe dadurch zu entkräften, daß sie für die von ihm angeführten Charakterzüge der Flora eine wahrscheinlichere, andere klimatische Deutung gefunden hätten, oder daß sie andere Charakterzüge dieser Flora nennen könnten, die Potonié nicht anführt, und die dabei auf ein anderes Klima hinwiesen. Es sind vielmehr stets Einwände allgemeiner Art, die von Potonies Gegnern vorgebracht werden. Gerade aus diesem Grunde, weil Potonies botanische Beweisführung, wie es scheint, noch immer ganz unangetastet dasteht, ist es nicht ganz ohne Interesse, sie


Faxsimile (Scan) dieser Textseite.

Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
Dieses Buch ist Teil von www.biolib.de der virtuellen biologischen Fachbibliothek..
© Kurt Stueber, 2003