Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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6. Paläontologische und biologische Argumente. 99

Argand schreibt über diese Einwände:

ĄDie Gesundheit einer Theorie ist nichts anderes als ihre Eignung, die Gesamtheit der Tatsachen darzustellen, die zurzeit bekannt sind. In dieser Hinsicht ist die Theorie der großen Kontinentverschiebungen von einer blühenden Gesundheit. In ihren Anfängen hat sie ins Unbekannte gezielt (ell'a visé à l'absolu); in der Folge hat sie sehr an Kraft und Hilfsmitteln gewonnen, ohne irgend etwas von ihrem logischen Rüstzeug zu opfern, im Gegenteil bereichert und in immer besserer Harmonie mit den Ideen, welche die Allgemeinheit leiten. Diese Arbeit der Reinigung und Verfeinerung ist sehr fühlbar in der Reihe der Veröffentlichungen von Wegener. Stark begründet in den Kreuzungspunkten von Geophysik, Geologie, Biogeographie und Paläoklimatologie, ist sie nicht widerlegt worden. Man muß selbst lange nach Einwürfen gesucht und besonders auch einige gefunden haben, um eine gewisse Unangreifbarkeit nach ihrem Werte schätzen zu können, die sie auszeichnet und die von einer großen Biegsamkeit in Verbindung mit einem großen Reichtum an Verteidigungsmöglichkeiten herrührt. Man glaubt einen entscheidenden Einwurf in der Hand zu haben; noch ein Schlag, und alles muß zusammenbrechen. Aber nichts bricht zusammen; man hat nur einen oder mehrere Punkte vergessen gehabt. Das ist die proteusartige Widerstandskraft eines plastischen Universums."

ĄGewiß, die Einwürfe mehren sich, aber fast alle sind sie von der Art, wie ich eben sagte. Von denen, die man veröffentlicht hat oder an die man denken kann, ist nur der kleinste Teil stichhaltig, er bezieht sich dabei nur auf einige Nebensachen und niemals, bis jetzt, auf die lebenswichtigen Teile."

Sechstes Kapitel. Paläontologische und biologische Argumente.

Auch die Paläontologie und die Tier- und Pflanzengeographie haben ein wichtiges Wort bei der Entschleierung der vorzeitlichen Zustände der Erde mitzureden, und der Geophysiker wird leicht auf Irrwege geraten, wenn er nicht auch die Ergebnisse dieser Wissenschaften zur Kontrolle der seinigen ständig im Auge behält.

Umgekehrt sollte aber auch der Biologe, wenn er sich überhaupt mit der Verschiebungsfrage beschäftigt, zu seiner eigenen Urteils-


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
Dieses Buch ist Teil von www.biolib.de der virtuellen biologischen Fachbibliothek..
© Kurt Stueber, 2003