Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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58 4. Geophysikalische Argumente.

der Erscheinungen überhaupt zutrifft. In dieser Hinsicht ist eine Arbeit von Schuler [66] beachtenswert, in der gezeigt wird, daß bei Verstärkung der polaren Inlandeiskappen durch die hierbei erzeugte Annäherung der Massen an die Rotationsachse nach dem Satze von der Erhaltung des Rotationsmoments eine merkliche Beschleunigung der Erddrehung bewirkt werden muß, und umgekehrt eine Verlangsamung bei Abschmelzung der Eismassen, wobei wieder ein Massentransport zum Äquator, also von der Achse fort, vor sich geht.

Die Frage nach der Zähigkeit der unter den Kontinentalschollen gelegenen Schichten hängt eng zusammen mit derjenigen, ob die Temperatur dieser Schichten den Schmelzpunkt überschreitet oder nicht. Obwohl es wahrscheinlich ist, daß das geschmolzene Magma bei sehr hohem Druck auch sehr hohe Zähigkeit haben kann und sich daher wie festes Material verhält - - die Erscheinungen bei so hohen Drucken sind ja unbekannt , so neigen doch alle Autoren, die für eine schmelzflüssige Schicht eintreten, zu der Annahme, daß die Zähigkeit in dieser Schicht hinreichend klein ist, um große Verschiebungen, ja Strömungen, zu gestatten. Und gerade für diese Frage haben sich durch die Berücksichtigung des Radiums ganz neue Gesichtspunkte ergeben.

In Abb. 15 ist eine von v. Wolff herrührende Darstellung des Temperaturverlaufs in den obersten 120km der Erdrinde gegeben, wie er sich unter verschiedenen Annahmen über den Radiumgehalt der Kruste berechnen läßt (Kurven a bis e). Außerdem sind aber noch zwei Schmelzkurven S und A eingetragen. Je nach dem Material, das man annimmt, bekommt man auch hier verschiedene Kurven. S gibt die niedrigsten denkbaren Schmelztemperaturen für die verschiedenen Tiefen. Wie aus der Krümmung der Temperaturkurven und der Neigung der Schmelzkurven hervorgeht, gibt es in etwa 60 bis 100 km Tiefe eine optimale Region für Schmelzung, und es ist also möglich, daß hier eine geschmolzene Schicht zwischen zwei kristallinischen eingebettet ist.

Es liegt nahe, zu fragen, ob nicht die Erdbebenforschung über diese Frage Aufschluß geben kann. Leider ist dies nicht der Fall; sie könnte es dann, wenn geschmolzen soviel wie leichtflüssig bedeutete, denn in einem leichtflüssigen Medium können sich keine Transversalwellen, wie es die zweiten Vorläufer sind, fortpflanzen. Man nimmt aber heute meist an, daß dasjenige Material, was über den Schmelzpunkt temperiert und also geschmolzen ist, sich


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
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© Kurt Stueber, 2003