Alfred Wegener: Die Entstehung der Kontinente und Ozeane (1929)

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3. Geodätische Argumente. 29

Diese Längenbestimmung in Kornok ist nun im Sommer 1927 durch Premierleutnant Säbel -Jörgensen wiederholt worden [209], und zwar unter Anwendung des modernen unpersönlichen Mikrometers, also unter Ausschaltung des persönlichen Fehlers, wodurch die Genauigkeit noch wesentlich weiter getrieben werden konnte als bei Jensens Messung.

Das mit Spannung erwartete Ergebnis lautet1): Länge von Kornok 1927: 3h 24m 23,405s 0,008s.

Der Vergleich mit Jensens Messung ergibt eine Vergrößerung der Längendifferenz gegen Greenwich, das ist des Abstandes Grönlands von Europa um 0,9 Zeitsekunden in fünf Jahren oder um etwa 36m pro Jahr.

Da der Betrag neunmal größer als der mittlere Fehler der Beobachtungen ist, und größere systematische Fehlerquellen bei der Methode der funkentelegraphischen Zeitübertragung nicht in Betracht kommen, so ist hiermit der Nachweis der noch im Gange befindlichen Verschiebung Grönlands nunmehr erbracht, es sei denn, daß man die sehr unwahrscheinliche Hypothese aufstellt, Jensens persönlicher Fehler habe 9/10 Zeitsekunden betragen.

Die Messungen in Kornok sollen auch weiterhin von fünf zu fünf Jahren nach der unpersönlichen Methode fortgesetzt werden. Es wird von Interesse sein, den Betrag der jährlichen Verschiebung quantitativ noch genauer zu bestimmen und festzustellen, ob die Verschiebung mit gleichförmiger Geschwindigkeit vor sich geht oder Schwankungen unterliegt.

Durch diesen ersten exakten astronomischen Nachweis einer Kontinentverschiebung, der auch quantitativ die Voraussage der Verschiebungstheorie vollauf bestätigt, wird die ganze Diskussion über diese Theorie meines Erachtens auf eine neue Basis gestellt, indem das Interesse jetzt von der Frage nach ihrer grundsätzlichen Richtigkeit sich auf diejenige nach der Richtigkeit bzw. dem weiteren Ausbau ihrer Einzelaussagen verlagert.

Weniger günstig als in Grönland liegen die Dinge für die Messung der Abstandsänderung Nordamerikas für Europa, wie unsere Tabelle lehrt. Allerdings hat man hier insofern günstigere Bedingungen, als man nicht auf Mondbeobachtungen angewiesen ist, da auch die

l) Dem Direktor des Geodätischen Instituts in Kopenhagen, Herrn Professor Nörlund, sei für seine Erlaubnis, dies noch nicht veröffentlichte Ergebnis hier mitzuteilen, herzlich gedankt.


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Das Original des Werkes wurde freundlicherweise von der Universitätsbibliothek Köln zur Verfügung gestellt. Einscannen, Bearbeitung und OCR durch Kurt Stüber, Oktober 2003.
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© Kurt Stueber, 2003