Ernst Haeckel

Algerische Erinnerungen

1890

Algerien gehört nach seiner ganzen physischen Natur und Geschichte zu Europa, nicht zu Afrika; das beweist sowohl seine geologische Zusammensetzung und Entwicklung wie seine ursprüngliche Tier- und Pflanzenbevölkerung. Mit diesem Satz sollte jede Beschreibung Algeriens beginnen. Er wird zwar manchem Leser sehr befremdend erscheinen, ist aber nichtsdestoweniger wahr und durch die neuren geologischen und chorologischen Forschungen sicher begründet. Das eigentliche Afrika, ein selbständiges uraltes Tafelland, beginnt erst jenseits des Atlas, mit der Sahara. Die Zwergpalme (Chamaerops humilis) ist die einzige Palme, welche heutzutage noch in Europa wild wächst. Sie findet sich in großen Mengen im westlichen Sizilien, an vielen Punkten der Westküste Italiens (besonders an vorspringenden Kalkfelsen der Küste, zum Beispiel den Vorgebirgen Circello und Argentaro) und ferner an der Ostküste Spaniens. Dieselbe Art kommt außerdem nur noch im nordwestlichen Afrika vor, vorzugsweise in Marokko und dem westlichen Algerien. Über Tunis geht die Zwergpalme nach Osten nicht hinaus. Sie fehlt im östlichen Mittelmeerbecken ganz. Ihr Verbreitungsbezirk ist also ausschließlich auf das westliche Becken beschränkt.

Dasselbe gilt von dem Magot oder Berberaffen (Inuus ecaudatus). Dieser schwanzlose Affe ist in mehrfacher Beziehung von besonderem Interesse und der einzige Vertreter der Affenordnung im nordwestlichen Afrika. Es ist dieselbe Art, welche gewöhnlich in Affentheatern ihre dramatischen und mimischen Künste produziert und welche früher so häufig von wandernden Savayardenknaben gezeigt wurde. Berberaffe ist noch heute in den Gebirgsschluchten des Atlas und besonders der Kabylei sehr häufig; in der Nähe von Algier ist die vielbesuchte Affenschlucht bei Blidah sein nächstgelegener Wohnort. Er findet sich aber außerdem auch noch auf den Felsen von Gibraltar, wo ich im März 1867 eine kleine Horde lebend beobachtete.

Man hat bis heute viel darüber gestritten, ob der Berberaffe – der einzige Affe, der heute noch in Europa wild vorkommt – ursprünglich auf dem Gibraltarfelsen heimisch oder von der gegenüberliegenden Ceuta-Küste eingeführt sei und wie er die Meerenge überschritten habe. Da sich versteinerte Knochenreste desselben auch noch in anderen Teilen Spaniens finden und da so viele andere chorologische Tatsachen den früheren ununterbrochenen Zusammenhang der berberischen und der bätischen Gebirgsketten beweisen, so ist es höchstwahrscheinlich, daß er in der Quartärzeit eine viel ausgedehntere Verbreitung in den Schluchten dieses Faltengebirges besaß und aus seinen europäischen Wohnsitzen erst durch die fortschreitende menschliche Kultur verdrängt wurde. Ursprünglich wird der Magot sich in dem südwestlichen Zipfel Eurasiens aus einer älteren Affenart entwickelt haben und später auf den Atlas beschränkt worden sein.

Die Araber sowohl als die Kabylen hassen den Berberaffen, der ihren Pflanzungen großen Schaden tut und namentlich in den Fruchtgärten große Verwüstungen anrichtet. Sie wagten ihn aber nicht zu töten, da sie als gläubige Mohammedaner jeden Affen für einen verwunschenen Menschen halten, für einen Freigeist, der zur Strafe für seinen Unglauben und seine Verhöhnungen orthodoxer Kirchenlehren in Affengestalt verwandelt wurde. (Monistische Ketzer, welche etwa durch diese Ansicht erschreckt werden könnten, dürfen sich mit dem Glauben der Mohammedaner trösten, dass der verzauberte Affe nach Ablauf der Strafzeit wieder Mensch wird!)

Um nun die lästigen Affenherden loszuwerden, wenden die kabylischen Feldhüter ein ebenso sinnreiches als wirksames Mittel an. Haben sie einen Affen, der sich in Fruchtsaft berauscht hat, gefangen, so hängen sie ihm an einem Drahthalsband eine Schelle um und nähen seine Brust in eine enge Weste von derbem rotem Zeug ein. Dann lassen sie ihn wieder laufen. Die ganze Affengesellschaft wird durch diese unheimliche Verkleidung ihres früheren Genossen so erschreckt, daß sie vor ihm flieht und die Gegend, wo solche Wunder geschehen, verlässt.

Wie der Berberaffe und die Zwergpalme, so sind auch viele andere charakteristische Tier- und Pflanzenarten dem europäischen und afrikanischen Küstengebirge des westlichen Mittelmeerbeckens gemeinsam und beweisen nicht minder als die geologischen Tatsachen den früheren Zusammenhang der Kontinente.

Die Bevölkerung Algeriens ist über den weiten Flächenraum von 12000 Quadratmeilen sehr ungleichmäßig verteilt. Der bei weitem größte Teil kommt auf das Sahelgebiet, auf die großen Küstenstädte und die zahlreichen Dörfer des Küstenlandes. Unter den nahezu 4 Millionen Einwohnern befinden sich nur etwa 220000 Franzosen und ungefähr die gleiche Zahl Fremde von verschiedenen Nationalitäten. Die übrigen dreieinhalb Millionen sind größtenteils Eingeborene, von Religion Mohammedaner. Der Grundstock dieser eingeborenen Bevölkerung setzt sich aber aus zwei ganz verschiedenen Elementen zusammen, aus Kabylen und Arabern. Die Kabylen, die eigentlichen „Ureinwohner“ Algeriens und Tunesiens, bilden einen Zweig der Berberrasse oder im weiteren Sinne des libyschen Stammes. Andere und nächstverwandte Zweige dieses Stammes sind die Marokkaner und die Guanchen (die Ureinwohner der Kanarischen Inseln) sowie die Tuareg oder Imoscharh. Den libyschen Stamm selbst leiten wir von der altägyptischen Rasse her, aus welcher auch die Kopten des heutigen Ägyptens sowie sowie die Altnubier oder Äthiopier entsprungen sind. Alle diese Völker hängen durch die charakteristischen Grundzüge ihres Körperbaues, ihrer Sitten und vor allem ihrer Sprachentwicklung eng zusammen und werden als Zweige der uralten Hamitenrasse aufgefaßt.

Ganz anderen Ursprunges und ganz verschiedener Natur sind die Araber, ein Hauptzweig der Semitenrasse. Die Semiten gingen teils nordwärts nach Kleinasien (Mesopotamier, Syrer, Phönizier und Hebräer), teils südwärts nach Arabien. Der nördliche Zweig dieses arabischen Stammes war es, welcher im 7. Jahrhundert, mit der Gründung aus Ausbreitung des Islam, Nordafrika überflutete und in raschem Siegeslaufe auch die ganze Berberei unterwarf. Acht Jahrhunderte hindurch (vom 8. bis 16. Jahrhundert) blieb dieselbe unter arabischer Herrschaft und unter dem Einflusse der hohen Kultur, welche das arabische Kalifenreich damals am größten Teile der Mittelmeerküste (vor allem in Spanien) entfaltete.

Der zähe Charakter der Kabylen und die ursprüngliche Selbstständigkeit dieser hamitischen Urbewohner von Tunesien, Algerien und Marokko setzte jedoch dem tiefen Eindringen der arabischen Kultur einen unüberwindlichen Widerstand entgegen. Zwar wurden die ersteren gezwungen, sich den letzteren äußerlich zu unterwerfen und auch die Religionsform des Islam anzunehmen. Allein die Berber wurden niemals so gute und gläubige Mohammedaner wie die Araber. Und nachdem die arabische Herrschaft im 16. Jahrhundert zerfallen war und die Berberei sich unter türkischer Oberhoheit zu dem gefürchteten Piratenstaate der Barbaresken entwickelte, trat die ursprüngliche Verschiedenheit des hamitischen und semitischen Wesens aufs neue wieder hervor. Noch mehr geschah das innerhalb der letzten sechzig Jahre, seitdem unter französischer Herrschaft die eindringenden europäische Kultur jenen beiden feindlichen Gegensätzen einen freieren Spielraum der Entwicklung gewährte. Übrigens erkennt der aufmerksame Beobachter schon auf den ersten Blick die anthropologische Kluft, welche beide Rassen trennt. Der Kabyle ist im allgemeinen von mittelgroßem und gedrungenem Körperbau; sein Kopf ist breit, Nase und Lippen sind dick, die Augen meistens blau, die Haare blond, rot oder hellbraun, der Bart wenig entwickelt, die Hautfarbe hell, mehr rötlich-gelb als braun. Der Araber hingegen ist von hoher und schlanker Statur; sein Kopf länglich-oval, Nase und Lippen schmal, Augen und Haare schwarz, der Bart lang, die Hautfarbe dunkler, mehr bräunlich.

Ganz verschieden ist in beiden Stämmen die Lebensweise und Verfassung. Die Kabylen sind vorzugsweise fleißige und tüchtige Ackerbauer und hängen mit zäher Vorliebe an ihrem kleinen Grundbesitze; ihre Verfassung ist durchaus demokratisch, in vieler Beziehung derjenigen der alten Germanen ähnlich. Die Araber hingegen sind noch heute, wie vor Jahrtausenden, vorzugsweise unstete Nomaden, welche mit ihren Viehherden das weite Land durchziehen und ihre Weideplätze wechseln; sie verachten die seßhafte Lebensweise und den Grundbesitz; die Verfassung der einzelnen Stämme ist aristokratisch. Mit besonderer Vorliebe pflegen die Araber die Pferdezucht und sind bekanntlich vorzügliche Reiter. Die Kabylen kümmern sich darum nicht und zogen es schon in den Punischen Kriegen vor, zu Fuß zu fechten.

Ganz verschieden ist in beiden Rassen die Stellung der Frau und somit des Familienlebens. Bei den Kabylen ist die Hausfrau die treue, hochgeachtete Lebensgefährtin des Mannes, seine ausdauernde, gleichgestellte Mitarbeiterin und im Kriege seine tapfere Mitkämpferin. Genauere Kenner des kabylischen Familienlebens behaupten sogar, daß das „Pantoffelregiment“ sich hier oft recht entwickelt habe. Daran ist beim Araber gar nicht zu denken. Für ihn ist die Frau nur untergeordnete Sklavin, auf der einen Seite ein nützliches Haustier, das die schweren Hausarbeiten zu verrichten hat, auf der anderen Seite ein Werkzeug sinnlichen Vergnügens. Außerdem werden beim orthodoxen Araber alle Lebensbeziehungen durch den mächtigen Einfluß der mohammedanischen Religion unmittelbar bestimmt, während diese beim Kabylen nur einen oberflächlichen Firnis darstellt und unter demselben die uralten heidnischen Vorstellungskreise ihren maßgebenden Einfluß bewahrt haben. Der Koran als Grundlage der ganzen Weltanschauung besitzt daher für letzteren nicht entfernt die Bedeutung wie für ersteren.

Nachdem die Franzosen die Oberherrschaft der Araber in Algerien vernichtet und ihren bedeutendsten Führer, Abd el-Kader, gefangen genommen hatten, glaubten sie nunmehr Herren des ganzen Landes zu sein. Sie waren aber nicht wenig überrascht, beim Eindringen in die Gebirge noch den heftigsten Widerstand seitens der Kabylen zu finden. Erst nach langen blutigen Kämpfen gelang es ihnen, auch dieses kräftigen Urvolkes Herr zu werden, und seit 1837 sind sie auch französische Untertanen. Äußerlich ist jetzt ganz Algerien in den Händen der Franzosen; aber von einer inneren Aneignung, von einer wahren Assimilation der eingeborenen Bevölkerung sind die heutigen Herren des Landes noch weit entfernt.

Unter diesen Umständen bleibt für die Zukunft der kostbaren algerischen Kolonie die wichtigste Frage: Wie wird sich dauernd das Verhältnis der Masse der eingeborenen mohammedanischen Bevölkerung zu den französischen Herren des Landes gestalten?

Wenn ich schließlich noch einiges über meine persönlichen Eindrücke mitteilen darf, so muß ich zunächst bemerken, daß von den acht Wochen meines dortigen Aufenthaltes nur die Hälfte auf die Bereisung und Betrachtung des ganzen Landes verwendet werden konnte; die andere Hälfte war den speziellen wissenschaftlichen Zwecken meiner Reise gewidmet, Untersuchungen über Seetiere. Nachdem seit vierunddreißig Jahren die Tierwelt des Mittelmeeres zum Lieblingsobjekte meiner zoologischen Forschungen geworden war und ich an den verschiedenen Küsten desselben die Lebensverhältnisse der Fauna – und speziell die pelagische Tierwelt des „Plankton“ studiert hatte, war es seit Jahren mein Wunsch, auch die letzte größere, mir noch unbekannte Strecke, die berberische Küste von Oran bis Tunis, kennenzulernen. Obgleich ich mit der Ungunst des Wetters in diesem Jahre (besonders im März) viel zu kämpfen hatte, konnte ich doch einen Teil der gewünschten Untersuchungen anstellen, besonders während meines längeren Aufenthaltes in Oran.

Der interessanteste, obwohl bisher wenig besuchte Punkt der Provinz Oran ist Tlemcen, die alte marokkanische Königsstadt. Seitdem vor kurzem die Eisenbahn von Oran nach Tlemcen vollendet worden ist, erreicht man dasselbe sehr bequem in sieben Stunden. Tlemcen ist nur wenige Meilen von der marokkanischen Grenze entfernt und soll demnächst mit dem jenseits gelegenen Orte Oudjida durch einen Schienenstrang verbunden werden. Seine herrliche Lage, die üppige Fruchtbarkeit seiner wasserreichen Gefilde, die günstigen Verbindungen nach allen Richtungen hin, sichern der alten Hauptstadt des Maghreb, des arabischen Westens, eine blühende Zukunft, wenn sich auch den früheren Glanz nicht wieder erreichen wird. Seine höchste Blüte, von der Mitte des 14. bis zu Mitte des 16. Jahrhunderts, entwickelte sich unter der Herrschaft der Abd el-Quaditen. Die glänzende Kalifenstadt hatte damals 125000 Einwohner, unterhielt einen lebhaften Handelsverkehr mit den meisten großen Häfen des Mittelmeeres, war blühender Sitz der Künste und Wissenschaften und beherrschte ein Gebiet, das außer einem großen Teile von Marokko die heutigen Provinzen Oran und Algier umfaßte.

Obgleich die meisten Denkmäler dieses früheren Glanzes in den nachfolgenden Kriegen zerstört wurden, können wir doch aus den wenigen Überresten auf die Höhe der entschwundenen Pracht schließen. Da sind vor allem in der Stadt selbst und in ihrer Umgebung die herrlichen Monumente arabischer Baukunst und Skulptur, zahlreiche Moscheen mit schlanken Minaretts und reich verzierten Kuppeln und Türmen. Die feine Ausführung ihrer Arabesken, das feine Ebenmaß der Verhältnisse läßt die Bauwerke mit dem Schönsten vergleichen, was die maurische Baukunst in den berühmten Moscheen und Grabdenkmalern von Ägypten und Damaskus, in Konstantinopel und der Alhambra hervorgebracht hat.

Stolze, kühn geformte Gebirge erheben sich ostwärts über den grünen quellenreichen Hügeln, an deren Fuß die Stadt sich ausbreitet. Rings umgibt sie ein reicher Kranz der üppigsten Gärten. Weithin schweift der Blick nach Süden und Westen über die weite fruchtbare Ebene, die sich unterhalb der höhergelegenen Stadt ausbreitet; am Horizont begrenzt von der langen gipfelreichen Kette der marokkanischen Grenzgebirge. Die üppige Vegetation der Vega-gleichen Fruchtebene zeigt, was der Boden unter diesem herrlichen Klima bei genügendem Wasserreichtum hervorbringen kann.

Eine höchst lohnende Wanderung unternahm ich von Tlemcen aus an einem sonnigen Frühlingstage. Ein niedlicher kleiner Araber von zehn Jahren, voll naiven Kinderverstandes, trug meine Wandertasche mit dem Proviant und Aquarellgeräte. Durch das Tor von Fez, an der Südwestecke der Stadt austretend, gelangte ich bald zu einen schönen maurischen Torbogen von zehn Meter Höhe, vier Meter Tiefe, dem Bab el-Khremis, und von da zu den ausgedehnten Ruinen der „Siegesstadt“ El-Mansurah. Von dieser fast ganz verschwundenen Schwesterstadt von Tlemcen, im 14. Jahrhundert ihrer gefährlichen Nebenbuhlerin, sind heute nur noch die Ruinen der mächtigen Umfassungsmauer übrig, mit zahlreichen viereckigen Türmen und mit einem Flächenraum von 100 Hektar, ferner die rechteckige Ringmauer einer großartigen Moschee, hundert Meter lang und sechzig breit, und darüber ein viereckiges, reichverziertes Minarett von vierzig Meter Höhe.

Oberhalb von El-Mansurah steigen felsige Höhen auf, über welche Wasserfälle herabstürzen. An denselben hinaufklimmend, gelangte ich auf eine weidereiche Hochebene, auf der arabische Hirtinnen ihre Herden weideten, und weiterhin zu einer merkwürdigen Wallfahrtskapelle, dem Marabu de Lella Setti. Aus weiter Entfernung pilgern hierher die arabischen Frauen, welche von Allah (druch Vermittlung des Heiligen Lelle Setti) Kindersgen erflehen wollen. Ein stattlicher schöner Araber, der hier seit Jahren als Stellvertreter des Heiligen fungiert, versicherte mir in gutem Französisch, daß die Wallfahrt meistens ihre Frucht trage. Er gestattete den Zutitt zu der Kapelle, in welcher gerade ein Dutzend buntgeschmückte Pilgerinnen Kaffee und Süßigkeitenin sehr heiterer Stimmung verzehrten.

Von der Höhe dieser weithin sichtbaren Kapelle beherrscht der Blick den ganzen weiten Talgrund von Tlemcen, rings umschlossen von der blauen Kette der schöngeformten marokkanischen Grenzgebirge. Eine wechselnde Reihe herrlicher Ansichten erfreut das Auge des Wanderers, wenn er von hier nordwärts geht, die Schluchten des eingeschnittenen Plateaus durchkreuzt und seine Wanderung bis zu der prächtigen Moschee von Sidi Bou-Medin fortsetzt.

Als ich am 1. April Algier verließ, um ohne Unterbrechung ostwärts bis Sétif zu fahren, waren die Nachwirkungen des Unwetters und die dadurch bedingten Verkehrsstörungen noch allenthalben sichtbar: Umgerissenen Telegraphenstanden und Bäume, durchbrochene Mauern und Brücken, eingestürzte Hütten und Häuser, überflutete Gärten und Felder zeugten von der Wut des Orkans und der herabgeschwemmten Gebirgsmassen. Auf langen Strecken waren Hunderte von kabylischen Arbeitern beschäftigt, um den Bahndamm wieder in Ordnung zu bringen, zu dessen Seiten hohe Erd- Steinhaufen lagen; über ein Dutzend größerer Bergstürze, mit allen Wirkungen ihrer mächtigen Zerstörungskraft, konnte ich bewundern.

Eine besondere Überraschung wurde uns aber in der Nähe von Palestro zuteil, der italienischen Kolonie traurigen Angedenkens. In einem der vielen Tunnels, welche hier die zerklüfteten Gebirgsketten des Djurdjura durchbrechen, hielt plötzlich der Zug unter lautem Pfeifen an. Die Kupeetüren wurden aufgerissen, und eine Horde von zerlumpten Kabylen stürzten in die Kupees hinein, um sich unseres Gepäcks zu bemachtigen. Im ersten Augenblick glaubten wir nicht anders, als daß ein räuberischer Überfall der Araber unsere abenteuerliche Fahrt unterbreche. Einige französische Damen fingen an laut um Hilfe zu rufen, während andere in Ohnmacht sanken. Indessen klärte sich der Überfall bald sehr harmlos auf. Da die Bahnstrecke mitten im Tunnel unterbrochen war, wollten die biederen Kabylen bloß unser Gepäck bis zum Ende desselben hinaustragen; wir selbst mußten aussteigen und eine längere Strecke in dem schlecht beleuchteten Tunnel durch Wasser waten. Am Ausgange desselben stand ein anderer Zug bereit, der uns zur Weiterfahrt aufnahm; doch dauerte es über eine Stunde, bis die Umladung des Gepäcks bewerkstelligt war.

Übrigens war diese Unterbrechung sehr angenehm, denn sie gab uns Gelegenheit, die wilde Szenerie des berühmten Engpasses Gorges de Palestro zu bewundern. Tief unten braust, zwischen hohen Felsenmauern eingeschlossen, der schäumende Fluß Isser, während die Eisenbahn hoch oben das wilde Gebirge durchschneidet, vielfach durch Tunnels und über hohe Viadukte sich windend.

Fünf Stunden später, zwischen El-Achir und Bordj, abermalige Unterbrechung; der Zug hält mitten in der öden weiten Steppe, und wir müssen nochmals umsteigen. Der vorhergehende Zug, den ich ursprünglich am letzten März hatte benutzen wollen, war an einer Kurve entgleist und den Bahndamm hinabgestürzt. Unten lagen am Fuße desselben die umgestürzte Lokomotive mit Tender und Packwagen, oben quer über dem Bahndamm mehrere zertrümmerte Passagierwagen. Außer einigen mehr oder minder schwer verletzten Personen waren die meisten Passagiere mit dem Schreck davongekommen. Doch hatte eine englische Familie in einem auf den Kopf gestellten Kupee erster Klasse mehrere Stunden aushalten müssen, ehe es gelang, sie zwischen den ineinandergeschobenen Trümmern herauszuholen. Das Umsteigen und Umladen in einen dritten, jenseits der unterbrochenen Stelle bereitstehenden Zug erforderte wiederum über eine Stunde. Wir fuhren stundenlang durch ödes Heideland. Mit vier Stunden Verspätung erreichten wir erst am späten Abend Sétif, die erste größere Stadt der Provinz Constantine.

Je weiter man in Algerien von Westen nach Osten vordringt, desto interessanter wird das Land, desto mannigfaltiger die Landschaft, desto orientalischer der Charakter ihrer Bewohner. Die Reise durch die Provinz Constantine bereicherte mich mit einer Fülle von merkwürdigen Eindrücken. Da ist zuerst die stolze Festung Constantine selbst, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, berühmt durch ihre großartige feste Lage, mit 45000 Einwohnern. Der wilde Rhumel-Fluß, von Süden aus dem Atlas herabkommend, hat sich auf dem steil abfallenden Felsplateau, an dessen Rande Constantine thront, in harter Arbeit von Millionen von Jahren ein tiefes Bett eingegraben, dergestalt, daß er faßt hufeisenförmig den östlichen und nördlichen Umfang des viereckigen Plateaus umfaßt. Dieses stürzt beinahe senkrecht in die wilde vom Flusse gegrabene Schlucht ab, in einer Höhe von mehr als hundert Metern. Tief untern schäumt der tobende Fluß über Steinblöcke, geht dreimal unter natürlichen Felsenbrücken hindurch und stürzt dann, vor der Nordecke der Stadt, in einer Reihe von staffelförmig übereinander gebauten Wasserfällen in die fruchtbare Ebene. Enthält der Fluß infolge anhaltender Regengüsse – wie es gerade jetzt der Fall war – sehr viel Wasser, so bieten diese Kaskaden, unmittelbar an der Seite und am Fuße der ansehnlichen, sieh hoch überragenden Stadt, in der Tat ein großartiges Schauspiel. Zahlreiche Geier, Falken und Raben schweben über der Schlucht und nähren sich von den Abfällen der Gerbereien, die oben an ihrem Rande im arabischen Viertel angebaut sind.

Die Eisenbahn, welche jetzt in zehn Stunden von Constantine über Batna nach Biskra fährt, gestattet in kürzester Zeit und größter Bequemlichkeit einen Besuch der Sahara. Die meisten Reisenden führen denselben direkt aus,ohne sich auf einer Zwischenstation aufzuhalten, und doch ist ein Besuch von El-Kantarah, halbwegs zwischen Batna und Biskra, nicht weniger interessant und lohnend als derjenige der beiden letztgenannten Orte.

El-Kantarah, das heißt die Brücke führt diesen Namen von einer alten Römerbrücke in dem wilden Engpaß, welcher aus dem öden Grenzgebirge in die Sahara führt. Hier war der Calceus Herculis der alten Römer, durch welchen die berühmte Dritte Legion bis zur Wüste vordrang. Heute windet sich durch dasselbe enge Felsentor, oberhalb der alten Römerstraße und hoch über dem Flusse, die Eisenbahn nach Biskra. Diesseits liegt nahe dem kleinen Bahnhofe ein einsames Wirtshaus, das nebst einem Militär- und Douane-posten hier allein die europäische Kultur vertritt.

Ein hoher, zackig zerklüfteter und unübersteiglicher Felsenwall erhebt sich jenseits des schäumenden Flüsses und schließt scheinbar den einsamen Felsenkessen von der Wüste ab. Erst wenn man vom Wirtshause die neue Straße zur Brücke hinabgeht, wird man überrascht durch die enge Spalte, durch die sich beide hindruchzwängen; die Araber nennen sie bezeichnend Fum es-Sahara, Mund der Wüste. In grellem Gegensatz zu der nackten Öde des ganzen Passes und der gelben Wüste, die sich hinter demselben ausbreitet, sowie dem roten Felsengebirge im fernen Hintergrunde erscheint unmittelbar hinter dem Ausgang, in der Mitte des seltsamen afrikanischen Bildes, eine Oase, zusammengesetzt aus zwanzigtausend dichtgedrängten Palmenbäumen, in deren Schatten drei verschiedene Dörfer liegen.

Die Lage der beiden Oasendörfer zu beiden Seiten des steil abfallenden Flußufers, umschlossen von dem grünen Kranze der Dattelpalmen und überragt von den steil aufsteigenden Felsenmauern, ist ebenso malerisch als fremdartig; nicht minder der Blick von Süden auf den engen Felsenspalt des „Mundes der Wüste“. Ebenso bietet das Innere der Dörfer mit ihren elenden Lehmhütten und den originellen Familienbildern der Oasenbewohner dem Maler eine Fülle von interessanten Motiven.

In dem einsamen kleinen Wirtshaus von Madame Bertrand waren auch keine anderen Gäste als zwei Maler, ein Pole und ein Schweizer, sowie eine französische Malerin, die mit ihnen um die Wette Skizzen sammelte. Ich trat als vierter in den Bund und verlebte mit den Künstlern einen sehr vergnügten Abend. Aus dem polnischen Künstler entpuppte sich im Laufe des Gespräches ein eifriger Naturfreund, begeistert für die Fortschritte der neueren Naturwissenschaft und insbesondere der Entwicklungslehre. Mit Bezug auf letztere empfahl er mir dringend, eine gewisse „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ zu lesen, und war dann nicht wenig erfreut, als ich ihm später den Verfasser derselben leibhaftig vorstellte. Man kann sich denken, wie diese zufällige Begegnung im „Munde der Wüste“ meiner Autoreneitelkeit schmeichelte, und vielleicht ist dies mit der Grund, daß mir El-Kantarah in so freundlicher Erinnerung blieb.

Am südlichen Ende des Dorfes tritt aus der Oase ein Bach heraus, der sich bald darauf in den Fluß ergießt. Über dem felsigen Bachufer erheben sich rechts die dichten grünen Massen der Palmen, links ein Hügel mit den letzten Hütten des Dorfes; hoch darüber der rot schimmernde Felsenwall des Grenzgebirges. Der Weg, der zum Dorfe hinaufführte, war von einer Kamelkarawane belebt; in dem Bach aber tanzte ein Dutzend arabischer Frauen und Mädchen, umgeben von zahlreichen Kindern. Der Zweck des Tanzes war eigentlich sehr prosaisch, nämlich die Reinigung der Wäsche. Wie an vielen anderen Orten Algeriens, so waschen auch hier die Eingeborenen nicht mit den Händen und der Seife, sondern mit den Füßen und Steinen. Sie werfen die schmutzige Wäsche einfach in den Bach und trampeln mit den Füßen so lange auf derselben herum, bis sie weiß erscheint. Billiger ist diese Methode freilich als die Seife; ob auch besser für die Wäsche, möchte ich bezweifeln. Jedenfalls ist sie aber unterhaltender und lustiger.

Die Berberdamen von El-Kantarah – unverschleiert wie meistens die weiblichen Wüstenbewohnerinnen – führen dabei ihren Wäschetanz so regelrecht im Takte und solcher natürlichen Grazie aus, daß wir nicht müde wurden, dem poetischen Schauspiel zuzusehen. Die bunte Kleidung war sehr malerisch; um sie nicht zu durchnässen, wurde sie beim Tanze so weit aufgenommen, daß man die schöne Form der braunen Glieder unverhüllt bewundern konnte. Auch die Gesichter der Mädchen und der jüngeren Frauen waren zum Teil von origineller Schönheit, echte Wüstentypen. Dabei war das Benehmen der tanzenden Schönen einerseits so unbefangen und naiv, andererseits so dezent und maßvoll, daß dem Künstlerauge inmitten der großartigen Oasenlandschaft diese Staffage von unübertrefflichem poetischen Reize erschien. Man sah, daß nur selten ein Europäer sich in diesen abgelegenen Oasenwinkel verirrte. Wie abschrecken häßlich sind dagegen die sogenannten Tänze, welche die arabischen Damen in Biskra und anderen Orten Algeriens den Fremden gegen Bezahlung zum Besten geben!

Einer der interessantesten Punkte in Algerien und für den Geologen wohl der merkwürdigste von allen ist Hamman-Meskutine, der „Bad der Verdammten“. Dieses Thermalbad liegt in der Nähe von Guelma, an der Eisenbahn von Constantine nach Bona, ungefähr halbwegs zwischen beiden Orten. Die heißen Quellen desselben sind so mächtig, daß sie in jeder Minute über hunderttausend Liter kochendes Wasser liefern. Dichte Dampfwolken verraten die zahlreichen Stellen, an denen das Mineralwasser aus einem siebförmig durchlöcherten Felsengrunde hervorsprudelt, entlang einer Erdspalte von zwei Kilometern Länge. Der hohle Erdboden, mit großen unterirdischen Grotten, tönt an vielen Stellen unter dem Tritte des Wanderers. Eine von diesen Grotten ist leicht zugänglich; sie enthält einen kleinen Teich und ist mit zahlreichen Stalaktiten geschmückt.

Das Merkwürdigste in Hamman-Meskutine ist aber der „versteinerte Wasserfall“. Das kochende Wasser, welches viel Kalk gelöst enthält, setzt sich beim Erkalten ab, und so hat sich an einer Stelle, wo die Thermalwasser sich über eine breite Felsenwand in ein kleines Tal herabstürzen, eine Kaskade von Travertin gebildet, im eigentlichen Sinne des Wortes ein „versteinerter Wasserfall“. Die dampfende Wassermenge, welche über seine gewölbten Absturzflächen hinabrieselt, ist nicht bedeutend, aber im Laufe der Jahrtausende hat sie so viel kohlensauren Kalk abgesetzt, daß daraus eine stattliche, in Staffeln abgeteilte Felsenbank von zwanzig Meter Höhe und der doppelten Breite entstanden ist, ähnlich den berühmten Sinterbänken von Pambuck-Kalesse in Kleinasien, von Rotomahana in Neuseeland und von Yellowstone in Kalifornien. Die phantastischen Formen der versteinerte Wasserschleier und tafelartigen Stalaktiten, ihre glänzend weiße Farbe (an einigen Stellen durch Eisen orangegelb und rot gefärbt), der Kontrast zu der grünen Gebüschumrahmung und die darüber emporsteigenden Dampfwolken geben der ganzen Szenerie ein höchst abenteuerliches Aussehen.

Nicht minder seltsam ist der Anblick von zahlreichen weißen Steinkegeln, die sich oberhalb des versteinerten Wasserfalles auf einem grünen kleinen Plateau erheben. Diese Kegel, über hundert an der Zahl, von zwei bis fünf Meter Höhe, sehen fast wie Termitenhaufen aus; sie sind dadurch entstanden, daß das kochende Wasser unmittelbar um seine Austrittstelle einen ringförmigen Travertinabsatz bildete, der im Laufe der Zeit immer höher und an der Basis breiter wurde. Die Araber, die den ganzen Ort mit abergläubischer Scheu meiden, halten diese Kegel für versteinerte Hochzeitsgäste. Ein reicher Scheik, welcher eine wunderschöne Schwester besaß und deren Besitzt keinem anderen Mann gönnte, wollte sie selbst heiraten. Allah aber, erzürnt über diese Verhöhnung des Sittengesetzes. verwandelte beim Hochzeitsmahle alle Teilnehmer desselben in Stein. Um Mitternacht gewinnen diese verzauberten Gestalten wieder Leben; der Neugierige aber, der an ihrem Feste teilnimmt, wird selbst in Stein verwandelt. Daher wagt es kein Araber, dieses „Bad der Verfluchten“ in der Geisterstunde zu besuchen.

Römische Mosaiken und Steintrümmer beweisen, daß die Aquae Tibilitanae bereits von den alten Römern benutzt wurden. Später wurden sie gemieden, vielleicht auch, weil das Klima nur im Winter gesund, im Sommer durch böse Fieber berüchtigt ist. Erst seit die Franzosen hier ein Militärhospital errichtet haben, und besonders seit die Eisenbahn den Besuch erleichtert, hat sich derselbe wieder gehoben. Immerhin sind die Einrichtungen noch sehr primitiv, und die Ausnutzung der Thermalquellen, deren heilsame Wirkung namentlich bei Gicht und Rheumatismus gerühmt wird, entspricht nicht entfernt dem natürlichen Reichtum der Wassermenge.


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Die Datei wurde erstellt am 25. Juni 2002 von Kurt Stueber.